Lean Construction überträgt die Prinzipien des Lean Managements auf Planung und Bau: Verschwendung vermeiden, Arbeit in einem stetigen Fluss organisieren und die Beteiligten verbindliche Zusagen untereinander treffen lassen. Die bekanntesten Methoden sind das Last Planner System für die gemeinsame Termin- und Wochenplanung und die Taktplanung mit Taktsteuerung für sich wiederholende Abläufe. Dieser Artikel erklärt die Grundgedanken, beschreibt beide Methoden mit Beispielen, zeigt, wie Sie Lean Management am Bau schrittweise einführen, und nennt die häufigsten Fehler.
- Lean Construction zielt darauf, den Wert für den Bauherrn zu erhöhen und Verschwendung wie Wartezeiten, Nacharbeit und unnötige Wege zu verringern.
- Das Last Planner System plant in Ebenen vom Meilensteinplan bis zum Wochenplan; die ausführenden Firmen sagen Arbeiten verbindlich zu.
- Die Taktplanung teilt das Gebäude in gleichartige Taktbereiche, durch die die Gewerke in festem Rhythmus nacheinander ziehen.
- In Deutschland beschreibt die Richtlinie VDI 2553 „Lean Construction“ (Ausgabe 2019) Prinzipien und Methoden.
- Lean funktioniert nur mit Transparenz und Disziplin: tägliche oder wöchentliche Abstimmung, sichtbare Pläne, offene Behandlung von Störungen.
Was ist Lean Construction?
Der Begriff Lean stammt aus der Automobilindustrie, vor allem aus dem Produktionssystem von Toyota. Anfang der 1990er-Jahre begannen Forscher und Praktiker, diese Ideen auf das Bauen zu übertragen; daraus entstand Lean Construction. Kern ist die Einsicht, dass auf Baustellen ein großer Teil der Zeit nicht wertschöpfend ist: Arbeiter warten auf Material, Pläne oder Vorgewerke, suchen Werkzeug, bessern nach oder gehen lange Wege. Lean Construction versucht, diese Zeit zu verringern, indem Planung und Ausführung als Fluss verstanden und gemeinsam mit allen Beteiligten gesteuert werden. Eine Kurzdefinition finden Sie im Lexikon unter Lean Construction.
Lean Management am Bau: die Prinzipien
| Prinzip | Bedeutung am Bau |
|---|---|
| Wert aus Sicht des Kunden | Was braucht der Bauherr oder Käufer wirklich? Leistungen ohne Nutzen vermeiden. |
| Wertstrom | Den gesamten Ablauf von Planung bis Übergabe betrachten, nicht nur einzelne Gewerke. |
| Fluss | Arbeiten so organisieren, dass Gewerke ohne Unterbrechung aufeinander folgen. |
| Pull (Ziehen) | Das nachfolgende Gewerk bestimmt, wann das vorherige fertig sein muss; Material kommt, wenn es gebraucht wird. |
| Perfektion | Störungen offen ansprechen, Ursachen beseitigen, Abläufe laufend verbessern. |
Die acht Arten der Verschwendung
- Wartezeiten: Kolonne wartet auf Vorgewerk, Freigabe oder Plan.
- Transport: Material wird mehrfach umgelagert.
- Bewegung: lange Wege zu Container, Lager oder Werkzeug.
- Bestände: zu viel Material auf der Baustelle, das im Weg liegt oder beschädigt wird.
- Überproduktion: Arbeiten werden vorgezogen, die noch nicht gebraucht werden und später stören.
- Überbearbeitung: Qualität über das Vereinbarte hinaus oder doppelte Dokumentation.
- Fehler und Nacharbeit: Mängel, die beseitigt werden müssen.
- Ungenutztes Wissen: Erfahrung der Poliere und Monteure fließt nicht in die Planung ein.
Last Planner System
Das Last Planner System wurde in den 1990er-Jahren von Glenn Ballard und Greg Howell entwickelt. Der Name bezieht sich auf die „letzten Planer“: die Personen, die unmittelbar entscheiden, welche Arbeit heute oder diese Woche gemacht wird, also Poliere, Vorarbeiter und Bauleiter der Firmen. Sie werden aktiv in die Planung eingebunden und geben verbindliche Zusagen.
| Ebene | Inhalt | Zeithorizont |
|---|---|---|
| Meilensteinplan | Wichtige Termine des Gesamtprojekts | Gesamte Bauzeit |
| Phasenplanung (Pull-Planung) | Gemeinsame Planung einer Bauphase rückwärts vom Meilenstein, meist mit Karten an der Wand | Eine Bauphase |
| Vorschauplanung (Look-ahead) | Hindernisse für die kommenden Wochen erkennen und beseitigen: Pläne, Material, Vorleistungen, Freigaben | Meist 4 bis 6 Wochen |
| Wochenplanung | Zusagen der Firmen für die nächste Woche, nur für Arbeiten ohne Hindernisse | 1 Woche |
| Lernen | Messen, welcher Anteil der Zusagen erfüllt wurde (PPC), und Gründe für Abweichungen auswerten | Wöchentlich |
Kennzahl PPC
PPC steht für „Percent Plan Complete“: der Anteil der in der Wochenplanung zugesagten Arbeiten, die tatsächlich erledigt wurden. Beispiel: 40 Zusagen, 31 erledigt ergibt einen PPC von 77,5 Prozent. Wichtiger als die Zahl selbst sind die Gründe für nicht erledigte Zusagen, etwa fehlendes Material, fehlende Pläne oder ein nicht fertiges Vorgewerk. Diese Gründe werden gesammelt und an der Ursache behoben.
Taktplanung und Taktsteuerung
Die Taktplanung eignet sich besonders für Gebäude mit vielen gleichartigen Einheiten, also Wohnungsbau, Hotels, Pflegeheime oder Bürogeschosse. Das Gebäude wird in Taktbereiche gleicher Arbeitsmenge geteilt, etwa eine Wohnung oder ein halbes Geschoss. Jedes Gewerk hat in jedem Taktbereich dieselbe Zeit, zum Beispiel drei oder fünf Arbeitstage, und zieht dann in den nächsten Bereich weiter. Hinter ihm folgt das nächste Gewerk – wie ein Zug, bei dem jeder Waggon ein Gewerk ist.
| Woche | Wohnung 1 | Wohnung 2 | Wohnung 3 | Wohnung 4 |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Trockenbau Ständerwerk | |||
| 2 | Elektro und Sanitär Rohinstallation | Trockenbau Ständerwerk | ||
| 3 | Trockenbau Beplankung | Elektro und Sanitär Rohinstallation | Trockenbau Ständerwerk | |
| 4 | Estrich | Trockenbau Beplankung | Elektro und Sanitär Rohinstallation | Trockenbau Ständerwerk |
| 5 | Trocknung | Estrich | Trockenbau Beplankung | Elektro und Sanitär Rohinstallation |
Die Taktsteuerung sorgt dafür, dass der Takt hält: In kurzen täglichen Abstimmungen am Taktplan meldet jedes Gewerk den Stand, Probleme werden sofort sichtbar und gelöst. Damit Trocknungszeiten und längere Arbeiten passen, werden sie über mehrere Takte verteilt oder als eigener Takt eingeplant. Den Unterschied zu anderen Terminplänen erklärt der Artikel Bauablaufplan, Bauzeitenplan, Terminplan.
Weitere Lean-Methoden auf der Baustelle
- Visuelles Management: Taktplan, Wochenziele und Störungen auf einer Tafel im Baucontainer oder digital für alle sichtbar.
- Tägliche kurze Abstimmung: 15 Minuten im Stehen mit allen Vorarbeitern: Was ist erledigt, was steht heute an, was hindert?
- 5S: Ordnung auf der Baustelle (Sortieren, Systematisieren, Säubern, Standardisieren, Selbstdisziplin).
- Erstmusterabnahme: die erste fertige Einheit gemeinsam abnehmen und als Qualitätsstandard für alle weiteren festlegen.
- Ursachenanalyse: bei wiederkehrenden Mängeln fünfmal „Warum?“ fragen, bis die eigentliche Ursache gefunden ist.
- Logistikplanung: Material taktgerecht anliefern lassen, Lagerflächen im Rahmen der Baustelleneinrichtung planen.
Lean Construction einführen: fünf Schritte
- Pilotprojekt wählen: überschaubar, mit motivierter Bauleitung und Firmen, die mitziehen.
- Firmen früh einbinden: Lean muss in Ausschreibung und Vertrag angekündigt werden, etwa Teilnahme an Planungsrunden und Taktplanung. Die VDI 2553 hat dazu ergänzende Blätter, unter anderem zur Vergabe.
- Gemeinsam planen: Phasenplanung mit allen Polieren, nicht im Büro allein.
- Rhythmus festlegen: tägliche oder wöchentliche Abstimmungen zu festen Zeiten, mit dokumentierten Zusagen.
- Messen und verbessern: PPC, Taktabweichungen, Mängelzahlen auswerten und Abläufe anpassen.
Lean Construction für Bauträger, Planer und Handwerk
- Bauträger profitieren von stabilen Abläufen und verlässlichen Fertigstellungsterminen gegenüber den Käufern. Voraussetzung ist, dass Bemusterung und Sonderwünsche früh abgeschlossen werden.
- Architekten und Fachplaner liefern Pläne im Takt der Ausführung: Die Vorschauplanung zeigt, welche Planunterlagen wann gebraucht werden.
- Handwerksbetriebe gewinnen Planbarkeit: Kolonnen arbeiten in festen Takten, Material kann gezielt bestellt werden, Leerlauf und Doppelanfahrten sinken.
- Bauleitung wird vom Feuerwehrmann zum Moderator: Statt Probleme einzeln zu lösen, steuert sie den Fluss und beseitigt Hindernisse vorab.
Grenzen und typische Fehler bei Lean Construction
- Lean als Werkzeugkasten ohne Haltung: Tafeln aufhängen allein ändert nichts, wenn Probleme weiter verschwiegen werden.
- Firmen nicht eingebunden: wer den Takt nicht mitgeplant hat, hält ihn auch nicht.
- Zu kurze Takte: unrealistische Takte führen zu ständigen Störungen und Frust.
- Fehlende Vorlaufplanung: wenn Pläne, Bemusterungen oder Sonderwünsche nicht rechtzeitig feststehen, reißt jeder Takt.
- Vertrag passt nicht: klassische Verträge mit festen Einzelfristen und ohne Pflicht zur Mitwirkung erschweren die Zusammenarbeit.
- Dokumentation vergessen: auch im Lean-Projekt müssen Behinderungen, Anordnungen und Mängel nachweisbar festgehalten werden.
Für den letzten Punkt gilt: Behinderungen, Anordnungen und Fotos halten Sie in BauDock im Bautagebuch fest, Mängel aus der Erstmusterabnahme gehen mit Frist an die zuständige Firma – im selben System wie der Terminplan. Lean beginnt mit einer guten Grundlage im Terminplan. Wie Sie diesen aufbauen, zeigt der Artikel Bauzeitenplan erstellen; eine Vorlage finden Sie unter Bauzeitenplan-Vorlage.